Die Essenz der Bezogenheit
Die konventionellen Denktraditionen der westlichen Zivilisation, denen wir verhaftet sind, beschreiben unsere Welt als einen an sich existenten Raum, gefüllt mit einer unüberschaubaren Menge von unabhängigen Objekten – und uns darin als wahrnehmende Subjekte. In den religiösen Systemen der westlichen Hemisphäre wird in der Regel noch eine Gottheit dazu gedacht, die jedoch, im Gegensatz zu den Konzepten der östlichen Religionen, außerhalb des Raumes und der Dingwelt existiert.
Auf dieser Loslösung einzelner Erscheinungen aus dem Zusammenhang der Welt und der Vorstellung ihrer jeweiligen Autonomie basiert auch eine, seit der Antike bis heute fortschreitende und immer detailreicher werdende, Kategorisierung der Dinge und Phänomene unserer Wirklichkeit, der wir auch unsere modernen westlichen Wissenschaften zu verdanken haben. In unserem Alltagsdenken schlägt sich diese Tradition vor allem in generellen Grenzziehungen nieder. Der Mensch wird vom Tier getrennt, die Natur von der Kultur, die Kunst von der Wissenschaft, der Geist vom Körper, das Wissen vom Glauben, die Form vom Inhalt, das Erklärbare vom Unerklärlichen.
Doch dieses verlässliche Filetieren der Wirklichkeit in konsumerable Einheiten erfährt seit einiger Zeit und in zunehmendem Maße Rückschläge. Bereits der an Johann Gottlieb Fichtes Philosophie von Ich und Nicht-Ich geschulte Dichter Novalis versuchte nicht nur in seiner Dichtung die Grenze zwischen Subjekt und Objekt zu überwinden, sondern konstatierte, in einem kühnen Vorausgriff, die „Geometrie ist transzendentale Zeichenkunst“ und „Reine Mathematik ist Religion“.
Im Laufe der letzten hundert Jahre hat sich auch die Physik immer mehr gegen die Parzellierung der Wirklichkeit gewandt und nach vereinheitlichenden Formeln gesucht. Während das Newton´sche Wirklichkeitsmodell aus Raum, Zeit und Teilchen in der Mitte des 19. Jhd. noch von Maxwell und Faraday um die Felder erweitert wurde, vereinigte Einstein 1905 in einem atemberaubenden Entwurf Raum und Zeit miteinander und entlarvte damit auch vorher absolute Größen wie die Geschwindigkeit als relational.
Die Quantemechanik ihrerseits vereinigte Felder und Teilchen zu Quantenfeldern. Das jüngste Kind der theoretischen Physik, die Theorie der Quantenschleifengravitation, geht schließlich davon aus, die Welt habe nur einen Bestandteil: kovariante Quantenfelder, in denen die Quantenfelder mit der Raumzeit zusammengefasst sind. Alle Erscheinungen, die wir mit unserer kulturell konditionierten Wahrnehmung zu unterscheiden gelernt haben, der Raum, die Materie und selbst die Zeit, seien deshalb lediglich emergent, d.h. nur sekundär aus den kovarianten Quantenfeldern hervorgegangen.
Hier berühren sich auf erstaunliche Weise die dem Alltagsdenken ungeheuerlich erscheinenden Hypothesen der zeitgenössischen Physik mit den Ideen der vorsokratischen Philosophen, die in der Folge von Platon zu Unrecht weitgehend verworfen wurden. Bereits im 6. Jhd. v. Chr. sah Anaximander im ἄπειρον (apeiron), dem „Unbegrenzten“, den Urstoff des Kosmos. Alle Erscheinungen, die miteinander in einem ständigen Wechselspiel des Ausgleichs stünden, gingen daraus hervor und würden wieder darin aufgehen. Die von uns gezogenen Grenzen zwischen den Erscheinungen, die aus dem Unbegrenzten hervorgehen, sind demzufolge Illusion.
Diese Vorstellung finden wir etwa ein Jahrhundert später bei Parmenides schärfer ausformuliert wieder. In dem Lehrgedicht „Über die Natur“ beschreibt er, wie ihm Dike, die Göttin der Gerechtigkeit, enthüllt, das τα εoντα (ta eonta), das Seiende, sei. Das μη εoντα (mê eonta), das Nicht-Seiende hingegen, sei nicht. Was auf den ersten Blick banal erscheint, wird in dem Moment vertrackt, in dem man begreift, daß es nirgendwo ein Nicht-Sein gibt, keinen Ort, an dem das Sein unterbrochen wird, also auch keine Grenzen zwischen den Erscheinungen. Somit kann die Welt nicht als Einheit vieler Dinge verstanden werden. Sie ist einzig: sie ist Eins.
Dieses einzige Sein ist, so fährt die Göttin fort, unentstanden, unvergänglich, unzeitlich, unteilbar, unörtlich, hier, jetzt und zugleich. Es schließt alle chronologischen Kategorien aus. Gerade diese Unzeitlichkeit entspricht auf frappierende Weise der Beschreibung einer Wirklichkeit ohne Zeit, wie sie die Theorie der Quantenschleifengravitation formuliert.
Weiter heißt es bei Parmenides, das Eins ist weder beobachtbar noch vorstellbar. Diese Aussage korrespondiert wiederum mit einem Bonmot, das Werner Heisenberg zugeschrieben wird, demzufolge jemand, der behaupte, er habe die Quantentheorie verstanden und nicht verrückt geworden sei, sie nicht verstanden haben könne, da sie nicht zu verstehen, nicht vorstellbar sei. Parmenides räumt jedoch ein, selbst wenn das einzige Sein nicht vorstellbar ist, so sei es doch denkbar.
Wie bereits Novalis die Trennung von Wissenschaft und Religion als illusorisch betrachtete, genauso wie die Trennung von Ich und Nicht-Ich, Subjekt und Objekt, so begreift Wahida Azhari auch die traditionell als gegeben betrachtete Grenze zwischen Bildender Kunst, Wissenschaft und Religion als obsolet, und die Kunst entsprechend als ein ebenso geeignetes Medium, sich dem einzigen Sein zu nähern, wie es sonst nur die Mystik und die wissenschaftliche Suche nach der „Weltformel“ für sich beanspruchen.
Ein wichtiger Moment in ihrer Künstlerbiographie war die Überwindung des Konzepts der Zentralperspektive. Bei dem Versuch, den überraschend intensiven Eindruck eines Rapsfeldes einzufangen, verfiel Azhari spontan darauf, auf zwei Zeichenblöcken gleichzeitig zu arbeiten: die Totalität des Eindrucks, der im Erfahrungskontinuum nur gewonnen werden kann durch das mehrfache Wenden des Kopfes und das Zusammenfügen der chronologisch sequenzierten Beobachtungen zu einer geschlossenen Repräsentation in der Vorstellung, machte es unmöglich, mit perspektivischen Konventionen zu arbeiten, die auf der Illusion eines visuellen Beobachtungspunktes basieren. Doch dieser Vorgang der Konstruktion eines inneren Bildes aus disparaten Eindrücken wird nicht nur durch eine sich verschiebende Perspektive bedingt. Selbst bei statischer Beobachtung ist unser Gehirn unablässig damit beschäftigt, die unterschiedlichen Informationen von zwei Beobachtungspunkten, des linken und des rechten Auges, miteinander in Beziehung zu setzen und in Einklang zu bringen.
Durch dieses Ereignis trat die Bezogenheit zunächst disparat erscheinender Elemente in den Werkzusammenhang Azharis ein. Erst in dem Zusammenspiel divergierender Informationen kann eine Ahnung eines größeren Zusammenhangs entstehen. Diese Ahnung wiederum spielt sich in einem zunächst als leer konzipierten Raum dazwischen ab.
Die miteinander korrespondierenden Elemente im Werk Azharis können sowohl Bildobjekte, Linien und Farbfelder sein, als auch die gestalteten Objekte einerseits und der umgebende Raum andererseits. Der Entstehung der einzelnen Elemente geht ein intensiver Prozess der Auslotung räumlicher Spannungen voraus. Die erkannten Gefüge werden als minimalistische, streng geometrische Linien und Farbfelder umgesetzt, kleine, aber essentielle Ausschnitte der wirkenden Raumvektoren.
Ist eine erste Form entstanden, bildet sie den Ausgangspunkt für die Hervorbringung einer zweiten. In ihrem Zusammenspiel verdichtet sich schließlich nicht nur die Spannung des Raumes, gleichzeitig bringt es einen Ausgleich der wirkenden Kräfte hervor, eine Stille, eine Leere, in der sich elementare Zusammenhänge enthüllen. Die Konstellationen sind dabei niemals absolut oder endgültig und korrespondieren immer mit dem umgebenden Raum.
In der Rezeption des Dialogs der Elemente im Ausstellungszusammenhang kommt der vermeintlichen Leere zwischen ihnen ein weiteres mal eine besondere Bedeutung zu. Erst in ihr entfaltet sich die essentielle Verbundenheit von Linie, Farbfeld und Raum, in ihr wird sie wahrnehmbar; zugleich wird die Leere selbst erst durch die einzelnen Elemente erzeugt, sie ist emergent, wie der Raum im Denkmodell der Quantenschleifengravitation, wie die Stille in der Musik, von der Miles Davis sagte, sie sei wichtiger als die gespielten Töne.
Mit diesem Ereignis im vermeintlichen Leerraum, der von den Bildelementen erzeugt und erforscht wird, in dem sich das Wesen des Werks durch Beobachtung erst entfalten kann und sich zu etwas Größerem fügt, bestätigt sich das vorsokratische Konzept von der Nicht-Existenz des Nicht-Seienden, von der Unbegrenztheit des Seienden, des Apeiron.
Und so wenig wie sich eine Leere im Sinne eines Nicht-Seins zwischen den Elementen befindet, so wenig gibt es eine Grenze zwischen dem Rezipienten und dem Werk, denn die Bezogenheit der Werkelemente aufeinander und auf den Raum werden erst in der Wahrnehmung des Rezipienten faktisch. In dem wir den größeren Zusammenhang, in dem die Bildelemente zueinander stehen, erspüren, erschaffen wir ihn gleichzeitig. Der Zusammenhang ereignet sich also nicht nur in dem Raum zwischen den Werkelementen, sondern auch in dem Raum zwischen Werk und Beobachter.
Diese Bedingtheit, die sowohl im Werkprozess als auch in der Rezeption zum Tragen kommt, hat ihre Entsprechung in einem Phänomen, das aus der Quantenphysik bekannt ist: solange ein Ereignis nicht beobachtet wird, befindet es sich in einer Superposition, in der sich mehrere mögliche Zustände, mehrere latente Wirklichkeiten überlagern. Erst der Beobachter löst durch die Art der Beobachtung oder Messung die Faktizität eines bestimmten Ereignisses aus. Der Beobachter und das Beobachtete sind nur zwei aufeinander bezogene Aspekte eines ungeteilten, unteilbaren Zusammenhangs.
Dieser Zusammenhang ist, in den Worten Anaximanders, das Apeiron, aus dem die voneinander getrennt erscheinenden Dinge hervorgegangen sind und in dem sie wieder aufgehen werden. Und in dem wir durch unsere Betrachtung ihren größeren Bezugsrahmen erahnen und auch uns als tertium quid begreifen, als einen unablösbaren Bestandteil dieses Systems, können auch wir uns dem einzigen Sein, der Essenz aller Bezogenheiten, nähern. / Dr. Thomas J. Piesbergen /